Der Kontext

Immer wieder mal werde ich von Freunden und Bekannten gefragt: „Du bist doch Übersetzerin, was heißt denn das und das.“ Nicht immer kann ich ihnen darauf sofort eine Antwort geben. „Aber du bist doch Übersetzerin“, starren sie mich dann ungläubig an, „du musst das doch wissen!“ Diese Menschen haben leider eine elementare Sache vergessen – den Kontext.

Wörter bekommen ihre Bedeutung auch durch ihr Umfeld. Nicht jeder Satz ist verständlich, wenn man die Sätze davor und danach nicht kennt. Wenn ich z.B. höre: „Das Schloss wurde zerstört“, woher soll ich jetzt wissen, ob es sich um das Gebäude oder das Türschloss handelt? Manche Sätze ändern den Sinn, je nachdem, in welchem Kontext sie stehen. Aber wie soll man jetzt wissen, was gemeint ist, wenn der Kontext fehlt?

Nehmen wir mal ein ganz simples Beispiel. Etwas, das jeder mit Grundkenntnissen der englischen Sprache übersetzen kann – oder es zumindest glaubt. Nämlich den Titel eines Rolling Stones-Albums: „Black and Blue“. Das ist doch ganz einfach, werden Sie wahrscheinlich sagen: schwarz und blau. Wenn es sich um einen Tuschkasten handelt oder eine Bluse haben Sie sicher Recht. Nicht aber, wenn sich jemand um diesen Tuschkasten oder diese Bluse im Schlussverkauf prügelt und dafür jemanden „black and blue“ schlägt. Ein Deutscher prügelt seinen Gegner nämlich nicht „schwarz und blau“ sondern grün und blau. Ein feiner Unterschied also.

Man sollte auch wissen, woher der Text stammt, denn gerade bei Sprachen, die in mehreren Ländern gesprochen werden, gibt es Bedeutungsunterschiede. Briten und Amerikaner sprechen zwar eine Sprache, meinen aber nicht immer das gleiche. Wie schon im vorigen Beitrag erwähnt, kann ein „pocketbook“ ein Taschenbuch sein, aber auch eine Handtasche oder Brieftasche. Ich muss also wissen, ob es sich um einen britischen oder amerikanischen Text handelt, falls sich die genaue Bedeutung nicht gerade aus dem Zusammenhang im Text ergibt.

Und auch die Flamen und Niederländer sprechen nicht immer dieselbe Sprache, auch wenn sie Nachbarn sind. Wenn ein Belgier „een schone tas“ sucht, sucht er nach einer schönen Tasse; der Niederländer hingegen nach einer sauberen Tasche.

Ganz so krass wie beim Spanischen „abalear“ ist der Bedeutungsunterschied allerdings selten: Dieses Verb kann einerseits „Spreu wegkehren“ bedeuten, im amerikanischen Raum aber auch „jemanden erschießen“.

Ups.