Das literarische Quartett und die schlechte Übersetzung

Als Leseratte konnte ich mir die Neuauflage des Literarischen Quartetts natürlich nicht entgehen lassen. Gleich der erste besprochene Roman in der ersten Sendung, „Der dunkle Fluss“ von Chigozie Obioma, war für mich als Übersetzerin von besonderem Interesse: Christine Westermann beschwerte sich über die vermeintlich schlechte deutsche Übersetzung des Romans, bei der es ihrer Ansicht nach immer wieder „richtig wackelt“. Als Beispiele hatte sie zwei Stellen notiert. Bei einer Schulhofszene heißt es zum Beispiel: „Die Schüler plauderten.“ Ihre Kritik: „Ich habe noch nie einen Schulhof gesehen, wo irgendwelche Schüler miteinander plauderten. (…) Das glaube ich nicht, weil Kinder sind Kinder.“

Bei der zweiten Stelle handelt es sich um die Beschreibung einer laufenden Nase: „‘Das milchig-weiße Sekret, was ihm aus der Nase läuft.‘ Da schalte ich mich erstmal ab und denke: Warum hat da nicht jemand rüber geguckt und es anders übersetzt?“ Eben schlicht und ergreifend als „Rotznase“, wie Christine Westermann vorschlägt. Viele Sprachbilder sind ihrer Ansicht nach unglaublich ungelenk und ungeschickt. Aber heißt das schon, dass die Übersetzung schlecht sein muss?

Nicht unbedingt. Wenn ich einen (literarischen) Text übersetze, bin ich als Übersetzer dem Text und seinem Autor grundsätzlich zur Treue verpflichtet. Ich versuche, den Stil des Autors in der Übersetzung so gut es geht zu erhalten. Was zum Beispiel auch bedeuten kann, dass ich explizit etwas altmodischere Ausdrücke suche, wenn der Autor im Originaltext ebensolche verwendet. Oder dass ich etwas umständlichere Sprachbilder nehme, wenn dies dem Charakter des Textes entspricht. Außer ich bekomme von meinem Auftraggeber, dem Verlag, andere Anweisungen, was durchaus vorkommt im Literaturbetrieb. Leider erfährt man selten, was für Vorgaben der Übersetzer für seine Arbeit bekommen hat und was das Lektorat nachträglich noch am Text verändert hat.

Und ist die vorliegende Übersetzung von Obiomas Roman nun schlecht? Ich weiß es nicht. Ohne den Vergleich zwischen Ausgangstext und Zieltext lässt sich keine vernünftige Übersetzungskritik leisten. Außer es handelt sich um eindeutige Klopser, die in der Zielsprache keinen Sinn ergeben. Ich sage nur „luftgeborenes Auto“. Aber nur weil einem eine Formulierung nicht gefällt, heißt das noch lange nicht, dass die Übersetzung an sich schlecht ist, denn … siehe oben.