Inzwischen ist die nächste Übersetzung von mir auf dem Markt, diesmal eine vierteilige Romantasy. Die junge Romeria hat sich vom Straßenkind in New York City zur erfolgreichen Diebin hochgearbeitet, die im Auftrag ihres kriminellen Bosses gezielt Schmuck stiehlt, liebend gerne direkt vom Hals oder Finger des Opfers. Doch eines Abends wird sie bei ihrer Arbeit von einer seltsamen rothaarigen Frau gestört, die ihr den Diebstahl vermasselt und sie dazu nötigt, mitzukommen. Diese Sofie spricht leicht altmodisch, verfügt über tödliches Geschick mit dem Dolch und kann Flammen auf ihren Fingern tanzen lassen. Und sie braucht Romerias Hilfe, um ihren Ehemann wiederzubekommen. Bevor sie weiß, wie ihr geschieht, findet Romeria sich in einer fremden, mittelalterlichen Welt wieder, wo alle sie für Prinzessin Romeria aus Ybaris halten, die gerade das Königspaar von Islor hat ermorden lassen, genau an dem Tag, an dem sie den Islorianer Thronfolger Prinz Zander hätte heiraten sollen. Wie soll sie sich da nur wieder herauswinden?

Die Übersetzung hatte es durchaus in sich. Dadurch, dass Romeria aus dem heutigen New York kommt, spricht sie anders als die Elben und Menschen in der mittelalterlichen Welt von Islor und Ybaris. Romeria kann sagen, dass etwas „wie am Fließband“ hergestellt wird, die Islorianer hingegen nicht. Da kann höchstens etwas im Handumdrehen hergestellt werden. Zander und die anderen Islorianer können niemanden „aufs Korn nehmen“, weil es in dieser Welt noch keine Waffen mit Kimme und Korn gibt. Auch die „Lage sondieren“ geht nicht, weil sie noch keine Sonden kennen. Begriffe mit christlichen Bezügen sind in einer Welt ohne Christentum natürlich ebenso wenig angebracht. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Alltagsbegriffe einen christlichen Hintergrund haben. Kann ich einen Engel nehmen? Den Olivenzweig? Romeria hingegen kann all das sagen und irritiert gelegentlich durch ihre Wortwahl. Gelegentlich gibt es auch Begriffe, die sie nicht versteht, und die die deutsche Leserschaft auch nicht gleich verstehen darf. Ein „repast“ ist ein etwas älterer, gehobener Begriff für eine Mahlzeit. In Islor ist damit aber keine gewöhnliche Mahlzeit gemeint, wie Romeria schmerzlich erfahren muss. Worum genau es sich handelt, werde ich hier aber nicht verraten, ich will den Leserinnen doch nicht die Überraschung verderben. Ich habe mir in solchen Fällen mit französischen Begriffen beholfen.
Romeria erfährt so nach und nach, wie es in Islor aussieht, und mir als Übersetzerin erging es ähnlich. Manche Details werden erst im nächsten Band klar, oder sogar noch später. Ganz zu Anfang, als sie gerade nach Islor versetzt wurde und noch gar nicht weiß, wo sie eigentlich ist, begegnet sie einem sogenannten „Sapling“, ohne nähere Erklärung oder Beschreibung. Den Begriff gibt es sogar im Wörterbuch mit der Bedeutung „Jungspund“ oder „frischer Trieb“, doch hier wird er in einem ganz anderen Sinn verwendet und leitet sich von dem Verb „to sap“ ab, was „schwächen, aufzehren, Saft abziehen“ bedeutet. Diese Saplings sind ziemlich widerwärtige Kreaturen, die sich vom Blut anderer Islorianer ernähren und deshalb äußerlich Zombies ähneln und wie Vampire das Sonnenlicht meiden müssen. Also nix was mit „Jungspund“, was aber erst im zweiten Band klar wird. Um wen genau es sich in Band 1 gehandelt hat, erfahren wir sogar erst in der Mitte von Band 3. So etwas steigert natürlich die Gefahr von Übersetzungsfehlern. Wenn ich nicht weiß, was gemeint ist, kann ich es nicht korrekt übersetzen, und welche Übersetzerin hat schon die Zeit, die ganze vierteilige Geschichte mit mehr als 2300 Seiten zu lesen, bevor sie mit der Übersetzung von Teil 1 anfängt?! Viele Literaturübersetzer schaffen es oft nicht einmal, ihr aktuelles Buch komplett durchzulesen, bevor sie mit der Übersetzung starten. Gerade bei Romance-Titeln sind die Deadlines oft sehr knapp, was dazu führen kann, dass ein Buch auf mehrere Übersetzerinnen aufgeteilt wird, mit allen entsprechenden Vor- und Nachteilen.
Falls sich jemand wundert, warum im Vorschautext teilweise von „Fae“ die Rede ist, im Roman selbst aber von „Elben“: Der Text wurde geschrieben, bevor die Übersetzung fertig war, und nicht jeder Online-Händler hat den Text danach noch einmal aktualisiert. Warum man aus den „elven“ im Original in der deutschen Fassung unbedingt „Fae“ machen musste, keine Ahnung. So ganz dasselbe ist das schließlich nicht. Aber wer sich von so einer Banalität davon abhalten lassen sollte, den Roman zu lesen, verpasst definitiv etwas.
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